Vier HALLO Hi(t)Storys bis Jahreswechsel im XXL-Format – aus gutem Grund: Zum Schluss gibt‘s wieder auf Radio Aktiv die Hi(t)Story-Silvestershow! Mehr Infos dazu in den kommenden HALLO-Ausgaben. Hier nun XXL, Teil 1:
Episch, nichts weniger als das, und im Spannungsfeld fabelhaft hymnisch in alle Himmel funkelnde Rockdiamanten wie „Domino/Last Domino“ und „Home by the sea/Second Home by the sea“ fast (k)eine Ausnahmeerscheinung: „Driving the last spike“, ein dicht gewebter Zehnminüter aus der Genesis-Schmiede Anfang der Neunzigerjahre, erzählt das Leben und Sterben englischer Arbeiter, die die Gleise legten, die Tunnel sprengten, die Waggons mit bloßen Händen zogen und dem Eis des Winters allein ihr heißes Herz entgegenzusetzen hatten, ein Herz, gefüllt mit jener Hoffnung, die Lieben zu Hause wieder in die Arme schließen zu können.
Unzählige Männer kehrten aber im Sarg zurück zu ihren weinenden Frauen, Kindern, Müttern, Vätern – Mike Rutherford, Tony Banks und Phil Collins haben diesen Helden ihre Hymne gewidmet, und ach, wie gut, dass die Verkopftheit Peter Gabriels hier schon lange keine Rolle mehr spielte. „Driving the last spike“ wird nicht über unzählige Ebenen verschwurbelt, sondern hält virtuos eine klare Linie. Wenn ich es recht bedenke, vermag die Live-Aufnahme aus dem „The Way We Walk – The Longs“-Album noch intensiver den Weg in unser Gemüt zu finden, was eindeutig an einem Mann liegt, mit dem ich Genesis ohnehin auf ewig in Verbindung bringen werde: Chester Thompson!
Ein Sound, der den
Eiffelturm querlegen könnte
Kein Haudrauf, kein mit Tattoos übersätes Muskelpaket sitzt hier am Schlagzeug, sondern „the one and only“ Chester, US-amerikanischer Trommler aus Nashville, der den hohen Ansprüchen von Phil Collins gerecht wurde, was kaum jemand schaffte. Thompsons Spiel mit den Stöcken ist wahnsinnig unaufgeregt, stilvoll-elegant, klar vom Jazz beeinflusst, und obgleich der zurückhaltende Sympathikus dort hinten in der „Schießbude“ so achtsam vor sich hinhämmert, entsteht doch ein Sound, der den Eiffelturm senkrecht legen könnte: Das bärenstarke „Bam-Bam“ klingt, als ob die Arbeiter von einst mit den Hämmern auf Stahl schlügen, um die Gleise im Bett für die nächste Ewigkeit zu verankern, und derweil ein Schneesturm über sie herniederbricht.
Thompsons Schläge auf die Felle knistern wie Eiskristalle auf den Wangen und sind der Herzen wildes Pochen. Meines Herzens unbedingt; und verglich ich dieses hymnische Kunstwerk mit Monets „Mohnfeld bei Argenteuil“, dann, gewiss, vermag jeder Trommelschlag Thompsons einem Papaverblütenkopf zu entsprechen!
We came from the North
And we came from the South.
With picks and with spades
And a new kind of order.
Rutherfords E-Gitarre schneidet wie eisiger Wind, der aus Nordost bläst, Collins‘ Gesang ist messerscharf, und Banks‘ Tastenspiel wird einmal mehr zur Seele eines im allgemeinen vollkommen unterschätzten Genesis-Klassikers. Überhaupt: Banks‘ Keyboards enthüllen irre die Tragik von einst mit melancholischem Ausdruck und subtilem Temperament und umhüllen in gleicher Weise das Arrangement wie Alcantara, geben ihm Halt, Kraft, Wärme, während Rutherfords Riffs kühl und prägnant wie Pfeile aus dem Hintergrund schießen.
Es ist ein ohrenberauschendes Kunstwerk, nicht das einzige dieser Band (meine Güte, man denke nur an „Fading Lights“, oh wie großartig!), aber eines, das eine stilistisch nahezu perfekte Textur innehat, weil Inhalt und Form grenzenlos ineinanderfließen, miteinander korrespondieren. Es ist (nah dran an) genial!