Es ist ein mystischer Brocken Rockmusik: „Riders on the storm“, als allerletzte Aufnahme 1971 praktisch das brillierende Schlusslicht im hypnotischen Œuvre der Doors, vermittelt den Eindruck wild galoppierender Hengste, die mit gespenstisch dreinblickenden Reitern durch schweres Gewitter ziehen und stärksten Stürmen entgegenstreben. Raffitückisch die Aufnahmequalität: Keyboarder Ray Manzarek ahmte die eingeflochtenen Donner- und Regengeräusche auf einem Fender Rhodes-Piano noch nach. Fünfzig Jahre später klingt dieses Unwetter so bedrückend wie damals; als ob bleiernes Gewölk über uns aufzöge und Blitze messerscharf vom Himmel stächen. Wahrlich ein prachtvolles Werk in schwarzem Gewande, düster, unterkühlt und nah an der Kante des Abgrunds entlangkomponiert, einer Tiefe, in die der zum Zeitpunkt dieser Aufnahme schon durchgeknallte Sänger Jim Morrison längst gefallen war. Eine doorsische Säule, die stolzer und stabiler den Zeiten trotzt als jeder andere Klassiker der Westcoast-Rockband, selbst „Light my fire“.
Es stellt auch „Light my fire“
in den Schatten
Keine alten Klepper karappeln hier voran, sondern stürmisch galoppierende Heißblüter auf dem Weg ins Verderben; Reiter im Sturm sind wir, ja wir, die in dieses Leben geworfen wurden wie ein Hund ohne Knochen, und es ist ein Mörder auf der Straße, dessen Gehirn wie eine Kröte zappelt. – Nun, wer so etwas textet, in dessen Ömme ist vermutlich auch Krötenalarm, aber es rockt urgewaltig als Epos auf dem Album „L.A. Woman“ bis in fernste Galaxien, nicht zuletzt hervorzaubernd durch den grantig murmelnden Bass, der den fantastischen Keyboardkaskaden und dem nahezu flüsternden, abgründigen Gesang Morrisons ein Rückgrat ist. Gerade der Bass, welch eine Ironie! Das Quartett, das Mitte der Sechzigerjahre mit der ersten Single „Light my fire“ sofort auf Platz 1 der US-Charts raste, hatte nie einen festen Musiker, der die dicken Saiten zupfte. Die Stelle wurde von Zeit zu Zeit mit diesem und jenem Typen besetzt. Für das stoische Murren, Grummeln, Raunen der Reiter im Sturm knibbelte ein Jamaikaner namens Phillip David „Phil“ Chen das Nylon, der auch Eric Clapton, Rod Stewart oder Bob Marley sein versiertes Spiel in deren Songs fließen ließ. Was man nicht alles herausfindet, wenn man in der Recherche mal ein bisschen tiefer gräbt.
Noch tiefer grubberte Jim Morrison, und zwar sein eigenes Grab. Unheilbar an einem Ego-Trip erkrankt, hielt er sich eines Tages für den größten Poeten, den die populäre Musik je hervorgebracht hatte, wollte bei einem Doors-Konzert, so heißt es aus gut unterrichteten Kreisen, lieber aus Prosabänden vortragen anstatt zu singen, pöbelte das Publikum an, überwarf sich mit den Kollegen Ray Manzarek, Joe Densmore und Robbie Krieger, und biss im Alter von 27 Jahren im Juli 1971 ins Gras. Es ist und bleibt ein Mist mit den Drogen.
Aber die sechs Alben der Doors mit Morrison und jene glitzernden Songkolosse bleiben wie ein Monument. Es hätte womöglich kein intensiveres Lied als „Riders on the storm“ sein können, das die Ur-Doors als allerletzte Aufnahme in Rille pressen ließen. Ein saftiges Softrockkunstwerk, ausgelegt mit relaxtem Schlagzeugbeat und monoton-hypnotische Wirkung, deren betörendes Prasseln die Helix süchtig zu empfangen ersucht und hineinleitet zur Cochlea, wo der Schall uns Geheimnisse schickt, die wir der eigentümlichen Metaphorik niemals entlocken werden.
Riders on the storm
Riders on the storm
Into this house we’re born
Into this world we’re thrown
Like a dog without a bone
An actor out on loan
Riders on the storm
Paraphrasen des Bösen. Eine herzlose Welt, in der wir hingeworfen werden wie ein Hund ohne Knochen, wie ein Schauspieler ohne Publikum. Um die expressive Dichtung Morrisons schlängeln sich Mythen. Es heißt, dass das Lied teilweise auf der Geschichte des Serienmörders Billy Cook basiere, der als Anhalter eine ganze Familie tötete. Es kann aber auch sein, dass diesem Dunkelzauber das Gedicht „Chevaliers de l’Ouragan“ („Reiter des Orkans“) von Louis Aragon zugrunde liegt. Im Ergebnis ist‘s egal: Der Song übt eine hypnotische Faszination aus.