Zwischen ungezählten Johnny Walkers, willenloser Freiheit, Pfefferminzprinzen und sexy Affentheatersessions, die ich nicht mit 18, sondern später zum Anlass nahm, „Lass uns leben“ ins Blaue zu blöken, weil ich wen liebe, sehe ich Marius Müller-Westernhagens Opus Magnum in einem Song, der bei neunundneunzigkommanochwas Prozent der heißen Fans diesen Goldstatus vermutlich nicht genießt. Es erinnert mich an mein Jura-Studium, in dessen Verlauf ich im überfüllten Hörsaal der Uni Osnabrück das Pech hatte, im Strafrecht einem Professor zuhören zu müssen, der zunächst die übliche Rechtsprechung erklärte und dann wortreich seine „Mindermeinung“ zum Besten gab, es erinnert mich sogar in zweifacher Hinsicht daran. Denn erstens vertrete ich dann jetzt ja auch eine Mindermeinung. Und zweitens tat ich bald genau das, wovon MMW hier geradezu schmachtend singt: „Steh auf“. Weg war ich. Jura ade!
Nahezu lyrisch werden Saxofonkrümel eingestreuselt
Wie sich ein glücklich grunzendes Schweinchen voller Wonne in schlammiger Suhle wälzt, schubbert sich die von des Funtastenmannes Fingern Helmut Zerlett gesegnete Hammondorgel am schleppend-kraftvollen Bummelbeat. Pete Wingfield zündet mit beinahe keuschem Kick am Piano eine Nummer sacht, in der sich die Akteure nach und nach wie zum Sektempfang treffen, um in weniger als viereinhalb Minuten ein musikalisches Universum zusammenzunieten. Mel Collins und Dave Bishop von den Kick Horns streuseln nahezu lyrisch ihre Saxofonkrümel in jeden sich bietenden Spalt, verdichten den heißcoolen Track aus dem Doppelplatin-Album „Jaja“ (1992), das Westernhagen in den Metropolis-Studios London auf internationalen Glanz polierte. Selbst die Handclapps werden in dieser eindeutig zum Gospel sich sehnenden Rockbluesballade – der mehrstimmige Backgroundsound ist schlotzig wie best british clotted cream auf Scones – eine tragende Säule. Gitarrist Jay Stapley, ein Typ aus Sussex (Südengland), zirkelt dazu kleinste Soundfetzen ins Gewebe; kurz, prägnant, exakt in jene Lücken, die auf Füllung warten. Alle in sich greifenden Parts plus Marius’ sehr bewusst smart gehaltenes Kolorit machen den Sound kompakt und warm. Komponist, Texter, Arrangeur Westernhagen, unerreichter Marius unter den Müllers, hat diesem Lied ein Schlückchen seines Herzbluts verpasst, da bin ich mir sicher. Bei Johnny W. bin ich es mir nicht.
Wenn Dir jemand schwört, dass er Dich liebt
Es keinen and’ren Menschen für ihn gibt
Wirst Du es dann glauben oder nicht
Wirst Du Dich entscheiden für das Licht.
Was MMW besonders gut schafft: dass eine irrsinnig winzige Nuance des Alltags so viel Gewicht bekommt wie ein ganzes Leben. Man muss das nicht heraushören, man kann, und wo des Lauschers lustvolles Fußwippen, Fingerschnippen und Mitsingen schlichter Ausdruck orgiastisch erscheinender Vergnügtheit ist, möge auch dies reichen, um „Steh auf“ als einen zutiefst mit Gefühl gefüllten Song zu lobpreisen. Doch wer den Schrunden seiner Seele Balsam bringen möge, wer sich an diesem Lied labt, als stelle es den letzten Tropfen Wasser vor den nächsten einhundert Kilometern Fußmarsch durch trockenste Wüstenlandschaft dar, kann tatsächlich Rettung empfinden. Unüberhörbar ist „Steh auf“, stetes Bröckchen Mut und Hoffnung. Wagen wir, ihn auch das zehntausendste Mal anzustimmen, werden wir doch nicht müde, uns von seiner wunderkerzenflirrenden Stimmung einfangen zu lassen, egal, was uns Marius damit wirklich sagen möchte. Interpretationsfreiheit! Aufstehen lohnt sich aber ohnehin immer. Jedenfalls für alle guten Dinge.