Ewig gärt am längsten

Hameln-Pyrmont (mes). Es ist eine schier unglaubliche Zahl, und doch amtlich bestätigt: Im Landkreis Hameln-Pyrmont gibt es laut Unterer Naturschutzbehörde 363 stillgelegte Altdeponien! Salopp formuliert könnte man behaupten, dass im 20. Jahrhundert so ziemlich überall Müll verbuddelt wurde. Über viele dieser Abfallbeseitigungsanlagen und sonstigen Grundstücke ist längst Gras gewachsen, aber das Erbe bleibt – und wird dauerhaft überprüft.

Heute sammeln wir Papier und Glas, trennen nach Biomüll, Verpackungen und Restmüll. Abfälle von Haushalten, öffentlichen Einrichtungen und kleinen Unternehmen dürfen seit 2005 nicht mehr ohne Vorbehandlung deponiert werden. Ein großer Teil wird recycelt, organische Stoffe kompostiert und der Restmüll bei hohen Temperaturen schadstoffarm verbrannt. Die Müllberge wachsen langsamer, aber sie wachsen. Aber die alten Deponien bleiben – und bereiten auch Probleme.

Denn: In vielen dieser Deponien gärt es. Geruchsintensive und klimaschädliche Gase können ihnen entsteigen, obwohl sie längst geschlossen sind. An den Altablagerungsstandorten im Landkreis Hameln-Pyrmont wurden bis in die 70er-Jahre vor allem Hausmüll, Gewerbeabfälle, land- und forstwirtschaftliche Abfälle, Gartenabfälle sowie Bauschutt und Bodenaushub entsorgt. Die Standorte waren in der Regel mit Boden abgedeckt worden. „Daraus geworden ist Forst oder landwirtschaftliche Fläche, teils wurden sie auch überbaut“, sagt Torsten Röpke, Leiter des Umweltamts beim Landkreis Hameln-Pyrmont.

Die Untere Bodenschutzbehörde des Landkreises ist verpflichtet, ein Verzeichnis der altlastenverdächtigen Flächen und Altlasten, zu denen auch die Altablagerungen zählen, zu führen. Dieses enthält insbesondere Informationen über Lage und Zustand der Flächen, Art und Maß von Beeinträchtigungen, die geplanten und ausgeführten Maßnahmen sowie Überwachungsergebnisse. Für die 363 Standorte sind sogenannte „Orientierende Untersuchungen“ durchzuführen. Ziel ist es festzustellen, ob in und welchen Umfang schädliche Auswirkungen für Boden, Wasser, Luft oder den Menschen ausgehen.

Priorität haben Altablagerungen in Wasserschutz- und Trinkwassereinzugsgebieten. Denn „durch einen eventuellen Austrag aus dem Deponiekörper“ könne die Grund- und Trinkwasserqualität gefährdet sein. Immerhin 139 Altablagerungsstandorte liegen in Trinkwasser-, Wasserschutz- oder Heilquellenschutzgebieten, so Röpke. Bislang wurden vom Landkreis orientierende Untersuchungen auf 65 Altablagerungsstandorten beauftragt. Bei elf Standorten waren aufgrund der vorgefundenen Untersuchungsergebnisse weitere Detailuntersuchungen erforderlich. „In einigen Altablagerungen sind Schadstoffe vorhanden, eine Gefährdung des Grund- und Trinkwassers von den untersuchten Altablagerungen ist derzeit jedoch nicht auszugehen“, betont Röpke.

Sanierungsmaßnahmen mit Abdichtung oder Beseitigung des Deponiekörpers seien im Landkreis Hameln-Pyrmont bislang nicht erforderlich. In diesem Jahr werden im Wasserschutzgebiet Hameln-Süd 15 erfasste Altablagerungen untersucht. Die Gefahr scheint also erst mal gebannt. Doch die Sünden der Vergangenheit, sie bleiben bestehen.