Hier ist Luft nach oben

Weserbergland (ey). Alles auf Anfang: Stellen wir uns vor, es gäbe kein Plastik. Die Welt wäre keine bessere, denn Kunststoffe erleichtern das Leben. Aber die Welt hätte immerhin doch auch ein riesengroßes Problem weniger: die Vermüllung von Straßen, Landschaften, Gewässern, Ozeanen. Mit dem Finger auf andere Nationen zu zeigen ist zu einfach. Jeder sollte sich jeden Tag die Frage stellen, was er selbst tun kann, um eine Verbesserung herbeizuführen. Und da bleibt festzustellen: Es ist noch Luft nach oben. Sehr viel Luft.

Beispiel Alltagsverhalten:

Der mittlerweile mehr berüchtigte als berühmte „Coffee to go“ ist ein Sargnagel für Mutter Erde. Der Verbrauch von Einweg-Bechern in Deutschland ist laut der Deutschen Umwelthilfe extrem: 320000 sind es – pro Stunde! Sie sind nicht aus Plastik, sondern aus Pappe, was die Sache nicht weniger schlimm macht. Und die Frage aufwirft, ob wir womöglich auf einem absoluten Irrweg wandeln, ein Getränk zu uns zu nehmen in einem Becher, der nach einmaligem Benutzen weggeworfen wird. Denn für dessen Produktion wird unnütz Energie aufgewendet, die wir viel intelligenter einsetzen könnten – oder wahlweise auch gar nicht bräuchten. Der Pappbecher (meist mit Plastikdeckel), der es möglich macht, Kaffee im Gehen zu trinken, ist eines der übelsten Müllbeispiele des 21. Jahrhunderts. Denn die 320000 Becher pro Stunde bedeuten schließlich 7,8 Millionen Becher pro Tag, nur in Deutschland! Als wenn wir nichts Besseres zu tun hätten als die Umwelt mit Pappbechern zu belasten. Und von eben diesem Pappbecher ist es nur ein kleiner Sprung zum nächsten Gefäßproblem auf Events.

Beispiel Stadtfeste:

„Perspektivisch muss es möglich sein, jedes Fest ohne Plastik- und Pappgefäße feiern zu können“, sagt Hamelns Stadtmanager Dennis Andres. Mit der relativ sauberen „Mystica Hamelon“ am vergangenen Wochenende sei er sehr zufrieden, „aber beim Pflasterfest gibt es schon noch Stände, die ihre Getränke in Kunststoffbecher füllen, und das ist nicht gut“. Man wolle versuchen, hier besser zu werden, aber es brauche auch die Anbieter, die da mitzögen. Beim Weihnachtsmarkt funktioniere dies zum Beispiel schon sehr gut: Teller aus Porzellan, Becher aus Glas und Porzellan – und ein relativ hoher Pfandbetrag, der es ermöglicht, dass das System auch nachhaltig funktioniert. Dennoch: Mancher Pommesstand serviert auch dort auf Papptellern – nicht gut.

Beispiel Einzelhandel:

„Der Anteil an Plastiktütenkäufern ist eindeutig stark zurückgegangen“, sagt Holger Wellner, Sprecher des Einzelhandelsverbandes Hameln-Pyrmont. Man würde keinem Kunden eine Plastiktüte verwehren, frage aber konkret, ob er wirklich eine benötige. Denkbar wäre, ein Pfandsystem für hochwertige Taschen einzuführen, die anstatt Kunststoff- oder Papiertüte verwendet werden. Helmut Fahle, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Bad Pyrmont, sagt, dass das Bewusstsein vieler Kunden gegen Plastiktüten schon gewachsen sei, aber: „Wer hochwertige Kleidung kauft, wird sie nicht im Jutebeutel aus dem Laden tragen wollen, um an regnerischen Tagen dann zu Hause feststellen zu müssen, dass der Mantel schon Flecke hat.“ Auch der Einzelhandel müsse natürlich bemüht sein, die Tütenflut zu bändigen, „aber ich glaube nicht, dass es in Zukunft ganz ohne Tüten geht – und es gibt ohne Zweifel andere Branchen, die sind da ohnehin mehr gefordert“, sagt Fahle. Zum Beispiel siehe oben: „Coffee to go“-Anbieter und Supermärkte. Fahles Meinung: „Man sollte Plastikflaschen verbieten.“

Beispiel Supermarkt:

Ein weites Feld. Wer Joghurt kauft, kann ihn genauso im Glas erwerben wie Milch und Getränke. Allerdings bieten nicht alle Produzenten ihre Waren auch im Glas an. Das muss also eindeutig besser werden aus Produzentensicht. Dennoch: Mit einem überlegten und konsequenten handeln, weg vom Plastik, hin zum Mehrwegsystem kann jeder Kunde ein bisschen dazu beitragen. Und übrigens: Es gibt die Möglichkeit, in verpackungsfreien Super- oder Biomärkten einzukaufen. Die sind zwar in der Region Weserbergland noch nicht in einem dichten Netz anzutreffen. Aber mit dem Wunsch haben sie sich vor allem in Großstädten fest etabliert. Ohne verändertes Kaufverhalten werden Großkonzerne nichts an ihren Konzepten ändern – auch hier hat der Kunde mehr Möglichkeiten der Einflussnahme, als er gemeinhin annimmt.

Beispiel Wochenmarkt:

Eigentlich ein relativ plastikfreier Raum, aber eben nur relativ. Fisch, Fleisch, Wurst, Käse – da gibt es einiges, was in Kunststoffbehältnisse gepackt wird. Das Problem: Mitgebrachte, eigene Behälter dürfen nicht so ohne Weiteres über Verkaufstresen gereicht werden. Das regeln Hygienevorschriften. „Und wenn dann ein Behälter offensichtlich nicht gut abgewaschen worden ist, legen wir da auch nichts rein“, sagt Norbert Meyer, Sprecher des Hamelner Wochenmarkts. Bei sauberen Behältnissen könne man sicher so verfahren, „nur rechtlich ist es nicht in Ordnung“. Eine Grauzone, die mancher Standbetreiber aber durchaus zu betreten wagt. Norbert Meyer: „Es gibt richtig gute Glasbehälter, mit denen mancher Kunde zu uns kommt und sich Fisch oder Salate dort reinlegen lässt. Wir achten darauf, mit unseren Kellen und Löffeln nicht den Glasbehälter zu berühren – also, das funktioniert schon.“ Und übrigens: „Der Tütenverbrauch auf dem Hamelner Wochenmarkt ist in den vergangenen Jahren bei einigen Standbetreibern bestimmt um 90 Prozent gesunken, das ist wirklich super“, sagt der Inhaber von „Fisch-Meyer“, der im Einkauf auf dem Wochenmarkt schon deshalb einen großen Vorteil sieht, „weil hier keine Biogurke in Plastik eingeschweißt ist“.

Und die Moral von der Geschicht‘: Es ist genügend Spielraum zur Verfügung, um selbst die Geschicke in die richtige Richtung zu lenken. Denn im Plastikmüll am Weserstrand zu sitzen, wird ja keinem wirklich Spaß machen.