Wenn Blaukehlchen Arien trällern

Bodenwerder. So eine Vielzahl an Arien und Liedern hat es bei Konzerten im Wohnzimmer des Weserhauses noch nie gegeben. Da ist sich Gastgeberin Maike Weiß ganz sicher. Ein dynamisches „Quiewiehp“ ist zu hören, ein zartes „Zizizi“ und ein lautes „Klü, klü, klü“ – eben das Fiepen eines Austernfischers, der zarte Gesang einer Blaumeise und der Ruf des Königs der Lüfte, dem Seeadler. Ungewöhnliche Melodien also im Haus an der Homburgstraße.

Leitender Dirigent und Sänger zugleich ist Dr. Uwe Westphal. 254 Vogelarten brüten nachweislich in Deutschland. Und mit mehr als der Hälfte von ihnen kann sich der Diplom-Biologe „unterhalten“. Ganze 130 Vogelstimmen hat er drauf. Der aus dem Fernsehen bekannte Vogelstimmenimitator zieht, der kleine Konzertsaal ist rappelvoll. Im ausgeräumten Wohnzimmer ist es eng wie in einem Schwalbennest kurz vor dem Ausflug der Jungen.

Kariertes Flanellhemd, beigefarbener Pullunder, legere Jeanshose. Gekleidet wie zu einer Vogelführung nimmt Westphal seine Zuhörer mit in die Klangwelt der gefiederten Freunde. Der sensible Mann mit grauem Bart und Brille spitzt kurz die Lippen, schließt die Augen, neigt den Kopf zur Seite und trällert los. Einen Feldstecher braucht keiner im Publikum. Alle können sofort erahnen, wie eine Feldlerche im Singflug durch den Raum flattert. In der Natur ist der ausdauernd singende Vogel nur noch selten zu hören – sein Lebensraum fehlt.

Der Artenrückgang ist auch ein Grund für Westphal, mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, Vogelgesänge nachzuahmen, den Tieren in der Öffentlichkeit seine Stimme zu geben. Zu einigen Vogelstimmen hat der Ornithologe passende Merksätze parat, die dabei helfen sollen, die Rufe in der Natur wiederzuerkennen. Auch Humor hat der in der Nähe von Hamburg wohnende Buchautor mitgebracht, wie beim Nachahmen eines Waldkauzes im Unterschied zur Waldohreule („Das Weibchen klingt beknackt“). Laut redet Westphal bei seinem Vortrag nicht, eher zurückhaltend wie ein zartes Wintergoldhähnchen. Schräge Töne macht er dennoch, wie bei dem Ruf einer Wasserralle, den er nachmacht. Deren Laute klingen mehr nach einem quiekenden Ferkel als nach einem Vogel. Mit seinen Vogelstimmen entführt Westphal die Bodenwerderaner akustisch auf einen Bauernhof, als noch reichlich Schwalben in Ställe und Scheunen flogen.

Doch wie kam der Mann überhaupt dazu, Tierstimmen zu imitieren? Schließlich möchten Langschläfer einer frühmorgens singenden Amsel am liebsten den Hals umdrehen. Für Westphal ist deren Gesang dagegen ein „voll tönendes, feierlich melodisch vorgetragenes Pfeifen“. „Ich hatte Spaß daran, mit meiner Stimme zu arbeiten. Die habe ich ausgearbeitet wie ein Instrument. Daraus habe ich das abgeleitet. Es war aber nicht das Ziel, bestimmte Arten imitieren zu können“ sagt der 61-Jährige. In der Münchhausenstadt ist der Biologe nicht zum ersten Mal zu Gast. Anfang der 70er Jahre war er während einer Konfirmandenfreizeit in der Jugendherberge untergebracht, erinnert sich Westphal. Sein Interesse an der Vogelwelt wurde spätestens geweckt, als er als Elfjähriger an einer vogelkundlichen Führung teilnahm. Während der Exkursion habe ein Kormoran seine Exkremente direkt auf den Anzug eines Teilnehmers abgeladen, erzählt der Seevetaler. Der Junge habe sich darüber köstlich amüsiert. Nicht auszudenken, wenn der weiße Klecks sein Ziel verfehlt hätte. Die Vogelwelt hätten keinen bekannten Fürsprecher. Und die Besucher in Bodenwerder wären um einen kurzweiligen, informativen Vortrag gekommen.