Babylonische Sprachverwirrung

Von Richard Peter

Wenn ein heimwehkranker Bayer bei seinem Fleischhauer, der hier sein Metzger ist, ein „Wammerl“ möchte, bekommt er im Idealfall ein Stück Bauchspeck angeboten – oder er muss sich mit einem erstaunten „Hä?!?“ oder „Wie bitte?“ zufriedengeben. Deutsch ist nämlich nicht überall, wo es gesprochen wird, gleich, selbst in Deutschland nicht. Das stellen viele Menschen gerade jetzt fest, wo sie in den großen Ferien vom Weserbergland aus Richtung Meck-Pom oder Bayern, Österreich, Schweiz und Co. verreisen.

Urlauber, die an der See, in Bayern, Österreich oder der Schweiz die schönsten Tage des Jahres verbringen, können sogar kostenlos ihr „blaues Wunder“ erleben. Zumindest sprachlich, was das Vokabular betrifft, obwohl ja auch anderswo angeblich deutsch gesprochen wird. Ein Mirakel, wie es schon vor Tausenden von Jahren beim Turmbau von Babel für Verwirrung sorgte. Die berühmt-berüchtigte „babylonische Sprachverwirrung“.

Ende der 70er-Jahre hat in Österreich eine radikale Rückbesinnung auf das eigene Vokabular stattgefunden. Zumindest auf den Speisekarten. Eine Art Sprach-Streik. Von heute auf morgen. Wer dort also jetzt hinfährt, um zu urlauben, muss sich drauf einstellen. Statt mit Tomaten fanden und finden sich Urlauber plötzlich mit „Paradeiser“ konfrontiert. Egal ob als Sauce, Salat oder Suppe. Der so ungewohnte „Karfiol“ entpuppt sich als schlichter Blumenkohl und die Aubergine – schon mal als Eierfrucht geführt – klingt als „Melanzane“ seltsam italienisch. Wie so vieles in Österreichs Küche. Manchmal auch auf gewundenen Pfaden, wie die so leckeren „Palatschinken“, ähnlich unseren etwas dickeren Pfannkuchen, die sich vom bulgarischen „placinta“ ableiten, das sich in Ungarn „palacinta“ nennt und über einen Umweg über Böhmen in Österreich als „Palatschinke“ heimisch und geliebt fühlt. Und weit und breit kein Schinken, mit dem sie ebenfalls gefüllt sein könnte.

Kontrastprogramm zur Marillen-Marmelade, die für weserbergländische Verhältnisse eindeutig nach Aprikosen schmecken dürfte. Womit sie zweifelsfrei recht haben, denn Marillen sind die Aprikosen, die nicht nur in der Wachau Marillen heißen und auch als Schnaps oder Likör zu genießen sind. Abgesehen davon dient den Palatschinken das lateinische „placenta“ als Stamm. Und das kennen wir als Mutterkuchen. So einfach und gleichzeitig kompliziert und verwirrend, womit wir uns täglich – vor allem als Touristen – herumschlagen müssen, um uns einigermaßen zu verständigen. Wo doch Sprache genau dafür erfunden wurde: sich zu verständigen.

Nicht anders bei der sonst so neutralen Schweiz, wo eine schlichte Gurke zur „Gugummere“ mutiert, abgeleitet vom französischen „Concombre“. Beim Feldsalat brauchen wir noch nicht einmal Anleihen – denn was in Basel oder Zürich ein „Nüssli“ ist, heißt in Österreich „Vogerlsalat“, für den zusätzlich auch „Rapunzel“ stehen kann.

Warum auch immer: Was als Sahne in deutschen Landen auf den Tisch und ins Essen kommt, ist in Österreich „Obers“, weil es oben schwimmt – und auf Schweizerdeutsch als „Niddel“ im Handel. Wenn auch immer seltener. Wer in Österreich über „Fisolen“ stolpert, landet bei Bohnen, Pfifferlinge firmieren als „Eierschwammerl“, und die Kartoffeln feiern als Erdäpfel identische Triumphe. Auch als Salat. Rosenkohl wandelt sich in „Kohlsprossen“, Meerrettich wird zum „Kren“ und bleibt scharf.

Eher krass die Beeren-Mutanten, wenn aus den Johannisbeeren (rot) „Ribisel“ werden, aus den botanischen „ribes“ abgeleitet, während das „Männlein im Walde“ eine Wandlung von der Hagebutte zu „Hetschibetschi“ erfährt. Kindermund vermutlich. Der berühmt doppeldeutige Quark – weil halt so vieles Quark ist – steht bei „tu felix Austria“, dem glücklichen Österreich als „Topfen“ auf den Karten, auch als „Topfenpalatschinken“, die weit über alle auch sonstigen Verwirrungen so unendlich versöhnlich lecker sind.