Roter Renner, grünblauer Apéritif

Mit Ehefrau Anke Steinemann ist HALLO-Redaktionsleiter Jens F. Meyer im kleinen, alten Renault 4 durch dessen Mutterland Frankreich gefahren. Urlaub ganz klassisch, getreu dem Motto „Lieber ein Châteauneuf-du-Pape zum Drei-Gänge-Menü als ein Luxusschlitten für unterwegs.“ Im HALLO-Sommerferien-Sechsteiler „Mein französisches Tagebuch“ berichtet der Redakteur und Autor von dem, was er am Wegesrand so aufgeschnappt hat. Teil 3: ein Apéritif in jadegrün mit einer Nuance blau und ein roter Renner aus Großbritannien.

Normandie / Bretagne. „Ach nee, die Rattenfänger aus Hameln!“ – Da stehen wir nun auf dem Parkplatz der Abtei von Hambye, noch tief versunken in den mächtigen Eindrücken, die wir an diesem magischen Ort gesammelt haben, zur Abfahrt bereit, und plötzlich kommen Sigrid und Bernd Grumblies um die Ecke gebogen. Kennzeichen: SHG. In Lauenau wohnen die Beiden, und in der Tat stehen nur noch wir und kein anderer mehr auf diesem Parkplatz an der Abbaye, am späten Nachmittag. So ein Zufall! „Sie fahren mit einem R4! Das ist ja toll“, sagt Sigrid Grumblies. Ihr Mann, Fotograf erster Güte (www.ombambi.de), ist kurz davor, das Auto in Szene setzen zu wollen. „Mal ehrlich, das ist ein gutes Auto gewesen, damals schon. Der Käfer war doch Mist“, sagt er. Und so entwickelt sich ein Gespräch, das länger dauert als geplant. Was soll’s. Checken wir eben im Hotel nebenan ein, uns treibt ja keiner, nicht einmal die Zeit.

En détail einen Plan zu entwerfen wäre Raub an der Reisefreude. Es ist nicht möglich, ein Abenteuer in ein Korsett zu packen. Würde ich das tun, tränken wir jetzt nicht einen Apéritif maison in der Auberge de l’Abbaye. Laetitia und Cyril Lebehot haben sich in unmittelbarer Nähe zur Abteiruine im Herzen der Manche den Traum vom eigenen Gasthaus erfüllt. Über diesem grünen Tal mit Bächlein knistern die Sterne in wolkenlosen Nächten, und in etwa genau so deutlich spüre ich sie in den Kreationen des Maître, der in verschiedenen Sterne-Restaurants in der Normandie reichlich Erfahrung gesammelt hatte, bevor er das Wagnis einging, das alte Klostergasthaus zu neuem Leben zu erwecken. Coquilles Saint-Jacques poêlées. Cocotte de ris de veau. Magret de canard rôti aux baies roses. – Was sich in der Speisekarte findet, hört sich an wie Musik, natürlich nur, wenn ich es schaffe, den Worten Melodie zu verleihen. Da wären wir am Anfang dieser Geschichte, dem Apéritif maison. Er trägt die jadegrüne Robe des Ärmelkanals bei Sonnenschein mit einer Nuance von Blau. „Es ist ein Pétillant mit Blue Curaçao und Apfelsaft“, sagt Laetitia Lebehot, während ihr Mann aus der Küche das Amuse-Gueule herüberzaubert. Ich versuch‘s noch mal mit der richtigen Aussprache der Speisen. Mit jedem Schluck Curaçao-Asaft-Sekt wird sie merklich besser.

Am nächsten Morgen. Frühstück. Petit déjeuner. Am Nebentisch sitzen Stuart und Simon. Die beiden Briten waren gestern am späten Abend mit ihrem Austin Healey 3000Z vorgefahren. „Nicht gerade leise. Wie viel PS hat das Monster“, frage ich Stuart. „210“, sagt er. Drei-Liter-Motor. Jede Menge „horsepower“ für Rallyes. Mit diesem roten Renner sei er schon quer durch Australien gedonnert. Im Spätsommer gehe es auf Südafrika-Tour. Ich schlage ihm vor, ein Wettrennen mit uns zu machen. „Meine Frau fährt den R4 perfekt. Sie haben keine Chance!“ Stuart lacht. „Wo kommt Ihr überhaupt her mit Eurem kleinen R4“, fragt er.

„Aus Hameln, einer hübschen mittelalterlichen Stadt in der Nähe von Hannover“, antworte ich. Stuart fragt: „Wie, und da steht noch alles? Haben wir die beim Bombardieren vergessen?“

Schenkelklopfer. Briten haben einen sehr besonderen Humor. Wir reichen uns die Hand, fast so, als wären wir gute Freunde, wahrscheinlich sind wir es sogar und wissen es nur nicht. „Schön, Euch kennengerlernt zu haben. See you!“ Die beiden Kumpels winken, wir knattern von dannen und knödeln die kleinsten D-Straßen entlang, solche Wege, in denen Wohnmobilisten das kalte Grausen kriegen. Wir: immer mittendrauf und mittendurch. Hatte ich schon erwähnt, Rock’n‘Roll zu spüren? Hatte ich, in Teil 1 dieser Serie, um genau zu sein, und dieser Rock‘n‘Roll verebbt nicht, er wird lauter, und Herz und Seele rufen nach mehr, mehr, mehr.

Auf grauem Band durch die schöne Stadt Avranches, vorbei am Mont Saint-Michel, tiefer in die Bretagne hinein, ausnahmsweise sogar mal ein paar Dutzend Kilometer auf der Nationalstraße. Es regnet, es sind des Himmels Freudentränen. Schließlich landen wir in Moncontour-en-Bretagne, einer außerordentlich alten Festungsstadt, die zu den Petites cités de caractère zählt, zu den schönsten im Lande. Und in der Pâtisserie Poireau wird ein Törtchen kredenzt, das religiös, aber nicht sehr katholisch ist. Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich in Teil 4 am nächsten Wochenende berichte.