Drama zwischen Baum undBorke

Hameln-Pyrmont (ey). Die Lage ist dramatisch: Alte Buchen sterben, kräftige Bäume, die aufgrund des Wassermangels nicht mehr genügend Nährstoffe und Feuchtigkeit aufnehmen können. Fichten gehen zugrunde, noch schlimmer als in den Jahren zuvor, auch weil der Borkenkäfer seine Chance nutzt, die geschwächten Nadelgehölze zu befallen. Und das ist längst nicht das Ende des Schreckens, denn vermutlich werden weitere schlimme Schäden in den heimischen Forsten erst in den kommenden Jahren zu sehen sein.

„Ich bin jetzt 46 Jahre im Dienst. Eine so dramatische Lage hat sich mir nie zuvor geboten“, sagt Ulrich Telle, Leiter der Revierförsterei in Grohnde. Die Landesforsten in Niedersachsen hat es hart getroffen. In seinem Bereich sehe er 150-jährige Buchen sterben; ihm, Telle, blute das Herz. Kein anderes Bild ergibt sich rund um Hameln. Revierförster Ottmar Heise spricht von „teils unrettbar kranken Bäumen“ und sieht „schwerwiegende Schäden, die noch Auswirkung auf viele kommende Jahre haben“. Verzweiflung auch bei Bad Pyrmonts Stadtforstleiter Uwe Schenkemeyer (wir berichteten): Er sagt: „Heute grüne Fichten können in zwei Wochen schon braun sein.“

Und das alles hängt nicht mit einem einzigen Sommer zusammen, sondern ist eine Verkettung unglücklicher Wetterkapriolen. Ulrich Telle fasst es so zusammen: „Das Desaster fing schon vor knapp drei Jahren an. 2017 gab es einen sehr nassen Herbst, sodass wir die Bestände – und es handelt sich ja auch um Wirtschaftswald – nicht vernünftig bearbeiten konnten. Schweres Gerät konnte nicht eingesetzt werden, der Boden war vollkommen durchweicht. Im Januar 2018 folgte Orkan Friederike und richtete fatale Schäden an. Fichten fielen, Lärchen, Buchen – der durchweichte Boden spielte dabei auch eine Rolle. Es war schlimm. Dann kam der fürchterliche, viel zu heiße Sommer, in dem vier Monate lang so gut wie kein nennenswerter Niederschlag fiel. Und jetzt erneut ein sehr trockener Sommer.“ Der Wald sei zum Dauerpatienten geworden.

Stellenweise ist der Boden in bis zu drei Metern tiefe „furztrocken“, wie es heißt. „Es fehlt an der nachhaltigen Feuchtigkeit, das bedeutet, dass auch die schneearmen Winter nicht gut sind. Wenn der Schnee langsam schmilzt, gibt er permanent Feuchtigkeit an den Boden ab, aber das ist ja schon seit Jahren nicht der Fall“, erklärt Ottmar Heise. Das Szenario für die kommenden zwei, drei Jahre? „Schwierig zu sagen. Wir stehen vor einer großen Herausforderung, und es war gut, dass wir schon vor einigen Jahren sehr viel Buche unter die Fichtenbestände gesetzt haben, die im Schatten der Fichten gut wachsen“, so Heise. Die Kritik, dass die Landesforsten in den vergangenen Jahrzehnten viel zu viele Fichten gepflanzt haben, wehrt Heise vehement ab: „Das ist ein Gerücht. Unsere Generation hat so gut wie keine Fichten gepflanzt. Diese Kritik ist kompletter Unsinn.“

Und was bleibt – außer auf über Tage und Wochen ausgiebigen, aber nicht heftigen Regen zu hoffen – jetzt zu tun? „Es findet ein Umdenken statt. Klimastabile Arten wie Douglasie werden die Fichte nach und nach ersetzen“, sagt Ulrich Telle. Auch der Eiche und Kirsche gehört wohl die Zukunft. Denn das Klima verändert sich, und der Wald wird sich mit ihm verändern müssen, damit er seiner Aufgabe als Wirtschaftsgröße und Naturtalent auch weiterhin nachkommen kann: Kohlenstoff zu binden und Sauerstoff zu produzieren.