Wie wir den Sommer in uns bewahren

Normalerweise schreibt HALLO-Redakteur Jens F. Meyer sein „Beetgeflüster“ für jede Freitagausgabe der Deister- und Weserzeitung. Aber zum 50-Jährigen des „HALLO Mittwoch / Hamelner Markt“ gibt’s ein „Beetgeflüster“ auch mal hier – als Jubiläumsgeschenk für alle HALLO-Leser.

Von Jens F. Meyer

Grundnöle gegenüber dem Wetter ist wenig geistreich, denn wer vermag es schon bewerten zu wollen, wo doch ein Regen nicht automatisch schlecht und die Sonne nicht zwingend gut sein muss. Der Sommer ist subjektiv oder besser: das Sommergefühl. Manche Zeitgenossen schleppen es mit sich herum wie Ballast auf der Seele, weil die erhofften Gradzahlen nicht dem entsprechen, was das Thermometer zeigt, weil am Firmament mehr Wolken aufziehen als sie ertragen können und weil der Wind forscher weht, als sie es möchten.

Diese Sicht der Dinge ist unklug, aus dem Beet heraus betrachtet erst recht, denn Pflanzen stören sich für gewöhnlich weder an zu viel Regen noch an Wolken und spielen mit dem Wind. Sie halten sogar Stürmen stand und Trockenzeiten ebenso. Außerdem ist der Sommer kein Wunschkonzert, er ist, wie er ist, mal wärmer, mal kühler, mal feuchter, mal trockener.

Im Grunde ist der Sommer in uns, nicht dort draußen im Garten, nicht dort oben in den Himmeln, er ist in unseren Herzen. Wenn wir das akzeptieren, können wir mit seinem wetterwendischen Ego besser umgehen und das Wort „schön“ neu definieren. Wer seinen Teint schokopuddingbraun brutzeln lassen will, wird keinen Regen wollen, aber die Bäume im Wald und der Revierförster sind da sicher anderer Meinung. Es ist eine Frage der Perspektive, was gut ist und was schlecht.

Für uns Pflanzende ist mit dem September also keineswegs das sommerliche Gefühl gewichen; das Septemberglühen hat begonnen! Die Fülle der Tagetes kommt einem Ozean gleich, einem Meer en miniature. Wie es scheint, befindet sich keine einzige Studentenblume in den Semesterferien und es wäre ein Irrglaube, diese fröhlich-bunte Gesellschaft nur als eine scheidende Spätsommersequenz zu erachten. Kann doch im nächsten Jahr wieder so sein! Alles, was wir dafür tun müssen, steht mit der Aussaat und dem Auspflanzen ganz in unserer Macht (Schneckenschäden mal nicht eingerechnet…).

Der Sonnenhut steht begierig noch nach Beifall heischend in allerschönster Pracht, und mehr noch als er dankt vor allem das Sonnenauge das stete Ausputzen mit neuem Flor. Mit einigen, wenigen Schnitten wird die Glut neu entfacht. Bei der Katzenminze ist das nicht nötig, sie hatte einen kompletten Rückschnitt schon im Juli über sich ergehen lassen müssen und blüht jetzt absolut genau so schön wie damals.

Sommer vorbei? Nein, Sommer um uns und in uns. Bewahren wir uns das Gefühl und genießen das fesselnde Spiel des Blütenfeuers. Es zieht sich ja weiter. Die Anemonen kommen mit aller Begierde und Macht, die Oktober-Silberkerze entflammt mit silbrig-weißem Schein, und die Dahlien lassen uns ganz sicher auch im Oktober nicht im Stich.

Und zu alledem pflanzen wir den nächsten Sommer uns schon – denn wann, wenn nicht jetzt, da sich schon Lücken auftun in den Beeten, da wir Stauden brauchen, Zwiebelblumen setzen und neue Gehölze pflanzen, ist die Zeit gekommen, neue Impulse zu setzen, damit der nächste Sommer noch dann verweilt, wenn schon die Flocken fallen. Wir müssen es schaffen, den Sommer für immer in uns zu bewahren, für immer! Wir schaffen das.