Von Jens F. Meyer

Selbstkritik ist die beste, die‘s gibt. „Man in the mirror“ beschreibt genau das:

„I’m starting with the man

in the mirror.

I’m asking him to change

his ways.

And no message could have been any clearer.

If you want to make the world

a better place,

Take a look at yourself

and then make a change.“

Niemandem ist der Spagat zwischen subtiler Message und aufgesetztem Pathos besser gelungen als dem „King of Pop“. Ich habe gesehen, wie er einem Panzer gegenüber stand. Mag sein, dass das Teil aus Kartonage war, angepinselt grün und grau, aber die Aussagekraft war nicht von Pappe: Frieden! Michael Jackson hatte die Hand gegen den Wahn der Welten erhoben, das Feuerrohr senkte sich, und die einzige Munition, die im gleißenden Licht von Scheinwerfern und Spots im Bremer Weserstadion noch verschossen wurde, waren Tanz, Musik und Ekstase.

Mutter Erde schützend

in Melodien eingehüllt

Es ist gut möglich, dass Michael Jackson selbst zu wenig in den Spiegel geschaut hat, um der dunklen Seite seiner Macht einen gehörigen Tritt zu verpassen. Dass er mit seiner Musik Mutter Erde umhüllen wollte, um den Planeten zu schützen, daran zweifle ich dennoch nicht. Und das hat er auch erreicht. „Man in the mirror“ aus dem „Bad“-Album, das von Quincy Jones produziert und 1987 veröffentlicht wurde, drehte ein ganzes Business auf links. Wer konnte schon ahnen, dass nach „Thriller“ noch eine Steigerung möglich ist?

Von den elf Songs ist fast jeder als Single ausgekoppelt worden; maximäßig ging‘s wild zu in den Achtzigern, das können sich die Langweiler von heute gar nicht mehr vorstellen. Obgleich mit „Smooth Criminal“ und dem Titelsong Tanzflächenbrandsätze darauf enthalten sind, kommt das galaktifantastische „Man in the mirror“ noch aus ganz anderen Sternenwelten zu uns Staunenden geflogen. Der Spannungsbogen einem Kriminalroman von Dick Francis gleich, fingerschnippt der König unter Königen mit ersten, sanften Zeilen in dieses Gesamtkunstwerk, das ausnahmsweise nicht er, sondern Siedah Garrett und Glen Ballard geschrieben haben, um nach einer guten Minute mehr Tempo zu machen und den Gesang eines Chores wie ein Geschenk des Himmels in Empfang zu nehmen. Er lässt sich von diesen Stimmen tragen, schwebt in anderen Sphären, singt sich in einen Rausch.

Jackson ist ein Magier; wer Buchstabeneinsprenksel wie „Ooh“ und „Hoo! Hoo! Hoo!“ als vollendete Wortkreationen in den Kontext des Friedenschaffens auf Wellen brillanter Melodienreigen einbaut, bewegt sich in anderen Dimensionen. Der Song steigt nicht forsch auf, als wenn eine Rakete zum Himmel geschossen würde, sondern schwebt langsam dem Oberen entgegen, um schlussendlich von einem Sturm erfasst zu werden, der uns Mores lehrt. Schauen wir selbst auf uns und unser Verhalten? Sind wir in der Lage, uns selbst jeden Tag aufs Neue zu hinterfragen und zu korrigieren? Tun wir es mit Nachdruck, um die Welt besser zu machen? Der Song an sich ist ebenfalls ein Spiegel, der uns zeigt, wie sehr wir mit uns selbst beschäftigt sind und von anderen verlangen, was uns selbst gut stehen würde.

Aber die Moralpredigt des Michael Jackson wird noch zum Mutmacher, dann, wenn man schon glaubt, das Lied neige sich seinem Ende. Plötzlich brandet es erneut auf, über eine Minute lang nur noch kraftvoller Chor und Stakkatogesang auf dem Gipfel der Brandung. Finale furioso grande für eine gute Sache: Sich selber ändern, um die Welt zu ändern. Es gibt also noch Hoffnung.

Radio Aktiv an diesem Sonntag gegen 11.30 Uhr Hi(t)Story on air: „Man in the mirror“ von Michael Jackson spielt der Radiosender .