Von Jens F. Meyer
Hat es zwischendurch – sagen wir so: seit Anfang Oktober – mal aufgehört zu regnen? Ich bin mir dessen nicht sicher, schaue mit bangen Blicken schon wieder auf die Weser und ihre Nebenflüsse. Wobei mir die wilden Wasser bisweilen weniger zu denken geben als vielmehr die Flut der Schaulustigen, die sich daran ergötzen, wie „schön“ so eine Notlage sein kann. Dafür fahren sie mit Karacho und Handy am Ohr durch Wohngebiete, die ihnen sonst egal sind, parken Einfahrten und Rettungswege zu, ignorieren Betretungsverbot-Schilder und knipsen Fotos mit einer Impertinenz, die zum Reihern ist. Danke für gar nichts, Ihr Geigen.
Ich frage mich, wie viel Langeweile man an Weihnachten haben kann? Am zweiten Feiertag war‘s besonders schlimm. Nach 48 Stunden friedvoller Familienbande ist im Ofen gegenseitiger Rücksichtnahme eben nur noch glühende Asche, aber keine Flamme mehr; dann geht man lieber anderen auf die Nerven. So ein Hochwasser kam den Gelangweilten und Genervten gerade recht. Noch Tage darauf fuhren sie los, glotzten, knipsten, glotzten … Mit sinkendem Pegel brach dieser Strom erst spät ab.
Ich will nicht wissen, wie viele von denen, die Opfer ihrer Sensationsgeilheit waren, im Zweifel auch mit angepackt, Sandsäcke gefüllt, Barrieren gebaut, Freiwillige unterstützt hätten. Ich fürchte erstens, die Zahl tendiert gegen null, und fürchte zweitens, dass von diesem Schwall an Bekloppten eine Gefahr ausgeht, die nicht weniger schlimm ist als das Hochwasser selbst, denn mit dem Hochwasser müssen wir nicht ständig leben.
Trotzdem schönes Wochenende und frohes Neues!