Auf dem Eiland des Progressive Rock gehört ihr ein ganzes Königreich: Die Band Renaissance ist 1969 aus Ruinen der unvergesslichen Yardbirds erwachsen, deren weitere Fragmente zu Led Zeppelin führten. Damit wäre mal die Größenordnung geklärt, mit der wir es hier zu tun haben! Aber während Led Zep die Welt zu verändern begann, flog Renaissance stets unter dem Radar vieler. Bis heute – denn diese britische Formation besteht nach wie vor, und es ist Sängerin Annie Haslam, die seit 1973 den Kultus dieser außergewöhnlichen Soundformation aufrechterhält, während sich ihre musikalische Begleitung in stetem Wechsel befand.

Die melodiöse Garderobe
ist ein prachtvolles Gewand

Von den Gründungsmitgliedern ist seit Langem keiner mehr dabei, schon gar nicht die ehemaligen Vögel Keith Relf (verstorben) und Jim McCarthy. Trotzdem (oder gerade deshalb) ein fröhliches Tirili auf die hohe Güte des Songbooks dieser Gruppe. Kaleidoskopische Kaskaden vielschichtiger Rhythmik spiegeln sich in sanften Tempiwechseln und sonnigem Fünf-Oktaven-Gesang; ein wärmendes Flammenspiel, aus dessen mit den Scheiten achtsam konzipierter Rockmelodien gekleideten Glut Funken aus Jazz hinaufknistern und der Rauch eine Spur Folk in unserem Innern hinterlässt. Was wir hier atmen, was wir hören und fühlen, ist ein intelligentes Spiel mit Worten und Musik, nicht überproportioniert aufgetakelt und muskulös, sondern geschmeidig rein und wohlig schauernd als Glücksgefühl niederregnend auf Ohren, die bereit sind für Lieder, die auch mal eine Viertelstunde dauern können und jedem Mitspielenden ein Solo gönnen. Im Zentrum die Stimme Annie Haslams als Leuchtturm über allen Instrumenten.
Die melodiöse Garderobe ist ein prachtvolles Gewand, königlich schimmernd, ein wie mit Blattgold verzierter Umhang, dessen kosmische Strahlkraft in dem 1973er Album „Ashes are burning“ und dessen 1974er Nachfolger „Turn of the cards“ am hellsten kokelt. „Carpet of the sun“ vermag mit kaum dreieinhalb Minuten Spielzeit fast aus der Reihe zu fallen, aber diese wenigen Momente reichen, um uns gefangen zu nehmen. Obgleich das instrumentale Geschehen auf akustische Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug begrenzt wird, reitet doch viel mehr auf dem Steigbügel mit. War das gerade ein Cembalo?

See the carpet of the sun
The green grass soft and sweet
Sands upon the shores of time
Of oceans mountains deep
Part of the world
that you live in
You are the part
that you’re giving

Der Teppich der Sonne. Das grüne Gras. Die Ufer der Zeit. Unendlich poetisch jede Silbe der englischen Lyrikerin Betty Thatcher (1944-2011), die viel für Renaissance schrieb. Und von ebensolcher liedhaften Dichtung das Arrangement, das der damalige Hauptkomponist der Band, Michael Dunford (1944-2019), sorgsam um diesen von Annie Haslam feenleicht interpretierten Text strickte. Schon von Anbeginn scheinen Morgentautröpfchen die Grundstimmung des behänden Klanggebildes zu benetzen, eine Frische, die das Lied bis zum Finale beibehält.

Soundtrack für die
Sommersonnenwende

„Carpet of the sun“ stimmt uns in bester Hall & Oates-Manier „When the morning comes“-gleich auf all die schönen Wunder ein, die wir zu genießen bereit sein werden mit jeder Biene, die unseren Weg am Tage kreuzt, und jedem Stern, der uns vom Abend in die Nacht begleitet. Wann, wenn nicht am Tag der Sommersonnenwende, vermag dieses hinreißende Werk uns vollends zu berauschen?