Wie Regen, leise wispernd, als perle Tropfen um Tropfen an stummen, grauen Kreuzen auf Friedhöfen gefallener Soldaten und in den gebrochenen Herzen Hinterbliebener, senkt sich das Wimmern der Geigen in den Beginn der stromstöpselfreien Version von Udo Lindenbergs Antikriegsepos unendlich ergreifend. „Wozu sind Kriege da“, 1981 vom zehnjährigen Pascal Kravetz gesungen, der heute, bunt tätowiert vom Leben eines Rockstars gezeichnet, bisweilen als musikalischer Leiter Lindenberg’scher Live-Produktionen verantwortlich ist, singt Deutschlands wichtigster Hutträger hier selbst. Aus dem leisen Regen wird ein heftiger Schauer. Nichts hat sich geändert; die traurige Wahrheit ist geblieben, ja zurückgekehrt, und im Atomraketenwald führe kleinster Funkenflug zur größten Katastrophe. Kalter Krieg mit heißer Nadel. Wen, wenn nicht Udo L., unser durchweg sympathischer Brückenbauer, dessen Bedeutung weit über sein umfangreiches Songbook hinausreicht und der den Eisernen Vorhang melodisch und hartnäckig ein Stück weit mit öffnete, dürfte diese Situation mehr stören?

Keiner will sterben
Das ist doch klar
Wozu sind denn dann Kriege da?

Schwarzer Kajal hinter den großen, dunklen Gläsern der Sonnenbrille vermag seine tiefe Betrübnis über den Zustand der Welt noch zu untermalen; Aber Pathos ist nur ein Nebenprodukt; Udo Lindenberg meint seinen wortstarken Appell völlig aufrichtig. Ein Appell, der von den Coolen ElbStreichern, einem Kinder- und Jugendorchester mit Geigen, Celli und Bratschen, in der „unplugged“-Version 2011 auf einer seidenmatten Harmonie zutiefst berührend dargeboten wird, noch mehr, wenn man sich das dazugehörige Video anschaut. Ich sehe Gesichter, einerseits konzentriert auf das Spiel, andererseits fast in Ehrfurcht vor Udo stehend, der am liebsten – einem Friedenspropheten gleich – alle jungen Menschen in diesem Augenblick umarmen möchte, die da mit ihm und seinem Panikorchester im Lichte von Frieden und Freiheit stehen. Dieser Auftritt ist jetzt fast elf Jahre her – und nun ist wieder Krieg, Krieg in Europa. Soldaten marschieren, Menschen sterben, flüchten, weinen. Vom Appell ist „Wozu sind Kriege da“ abermals zu einer Melodie der Furcht geworden.

Plötzlich knien wir betend vor
den Scherben unserer inneren Ruhe

Plötzlich knien wir betend, zitternd vor den Scherben unserer inneren Ruhe; kein Augenblick der Gelassenheit triebt uns fröhlich durch den Tag, dessen Sonnenschein auf unser Innerstes nicht aus blauem Himmel, sondern nur mit einem Grauschleier leuchtet.

Doch hören wir diese hingebungsvolle Fassung bis zum Schluss, das ist wichtig, denn das Zupfen und Streiche(l)n der Streicher über ihre Instrumentenfäden baut sich aus der melancholischen Anfangsstimmung heraus im Laufe der viereinhalb bedeutungsvollen Minuten zu einem dichtmaschigen Netz aus Hoffnung und Zuversicht auf. Mehr Saft als die „unplugged“-Kriegsfrage hatte keine andere Version zuvor. Wenn am Firmament Sterne für die bewegendsten Songs aller Zeiten erglühen sollen: „Wozu sind Kriege da“ hätte einen verdient. In der „unplugged“-Version erst recht!