Verblüffend, wie wir in die unendlich regenbogenfarbenen Tiefen der populären Musik eintauchen, Jahrzehnte hinter uns lassen, und diese Reise in die Vergangenheit doch nichts weniger als ein Trip durch unser gegenwärtiges Selbst ist. Das liegt an Kompositionen, die keine Patina annehmen, weil sie einst von Profis auf unauslöschliche Frische getrimmt worden waren. Außerdem gibt es Musiker, Komponisten, Künstler, die ohnehin so ewig bleiben wie das Rauschen meines heiß geliebten Atlantiks am bretonischen Ende der Welt. Und Sänger, deren Stimme uns über all die Zeiten wie Gottes Segen begleitet, haben sowieso ihren Anteil an dieser Unverbrauchtheit. In „Before (the next heartache falls)“ vereinen sich all diese Komponenten. Eine zutiefst erwachsene Supernummer von Mike & The Mechanics; der Idealtyp einer melodramatischen Spannungslinie als fast siebenminütiger Schlusspunkt des 1991er Albums „Word of mouth“.

Sphärisch dicht und voller Dynamik

Keyboardsound schwebt einher, sphärisch dicht gewebt; es dauert nur Sekunden, bis Paul Carracks makellose Stimme so frohlockend heraufzieht, wie die Sonne an einem feuchten Septembermorgen alle Nebel durchbricht, bis Mike Rutherford fast in diebischer Elster-Art mit schneidendem Riff die spürbare Stille des Beginns stiehlt und Peter van Hookes Schlagzeugspiel dem ohnehin schon an Dynamik kaum zu überbietenden Song ein Höchstmaß an Stärke schenkt.

Es geht um Liebe, verflossene Leidenschaft, die im Gemüte des Gehörnten kein Strahl Wärme mehr scheinen lässt. Wie Carrack dieser Wehmut und Verzweiflung in Wort und Intonation über mehrere Oktaven Raum schenkt, wie fantastisch die Nummer zwischen rockendem Trotz und bettelndem Beknien changiert, das ist das größtmögliche Spiel mit Gefühl und Harmonie. Blockbuster-Kino für die Ohren, ein pompöses Seelenkraftfutter, ein kleines bisschen tanzbar, aber vor allem mit Tränen aus Tristesse und Rührung bis zum Bersten gefüllt und daher perfekt für dunkle Stunden der Einsamkeit gemacht.

Tears already falling
like the rain upon the ground
When the storm is over
no trace of it is found.

Mann, da muss ich schlucken! Der Regen, die Tränen, der Sturm, der vorüber ist. Leere bleibt, Niedergeschlagenheit und Not. Aber lassen wir die musikalische Qualität erstrahlen, anstatt in Trübnis zu wandeln, lassen wir dieses von den meisten Mechaniker-Followern aufgrund solcher Monstersongs wie „The living years“, „Word of mouth“ oder „Silent running“ eher unbeachtete Werk sich vollkommen in seiner Schönheit entfalten. Wer etwas umwerfend Gutes schreibt (Songwriter Rutherford und Carrack) und es noch dazu genauso umwerfend zelebriert, hat keinen Stein im Brett, sondern einen Platz im Herzen seiner Fangemeinde.

„Before (the next heartache falls)“ ist ein Festgesang auf die Liebe, gerade weil es die Thematik des Verlusts in einer Weise musikalisch fixiert, die die Hoffnung nicht sterben lässt. Wie mancher Bernstein Fossilien umschließt, so trägt dieser akustische Diamant melancholische Einschlüsse, denn „ein eiskalter Dezember bringt eine Kälte in mein Herz und erfüllt mich mit einer Leere, jetzt, wo wir so weit voneinander entfernt sind“.

Ganz unpoetisch betrachtet möchte ich mitteilen, dass Paul Carrack mir auch das Telefonbuch vorsingen könnte und auch damit Teil der Hi(t)Story“ wäre.