Es ist das alte Lied der Sehnsucht, das Heulen des Windes in den Segeln unserer wimmernden Seele, das mir die Gitarre David Gilmours zu verstehen gibt. Es ist ein Schimmer meines Vaters Lichts, das ich spüre, wenn Pink Floyds „Wish you were here“ eine Welle der Emotionen losstößt.
Es ist das Fernweh, das zum Heimweh werden kann, und es ist die Liebe, die unendlich weit ihr Zelt aufspannt, zu dessen sternenschmuckem Himmel wir mit frohem wie bangem Blick hinaufschauen, wo kein Anfang und kein Ende ist. „Wish you were here“ mag nicht das meisterlichste Stück einer meisterlichen Musikergarde sein, jedoch: Der Umstand, dass es wie kaum ein anderer Song aus der Schmiede dieser britischen Progressive-Rock-Band unser Gemüt zwischen dem tosenden Rauschen der Euphorie und einer Wunden reißenden Melancholie auf- und niederwogen lässt, macht es zu einer Naturgewalt.
Hochwassergefahr auf einer Party
Ich hörte es live beim Konzert im Niedersachsenstadion in den Achtzigerjahren und war wie vom Donner gerührt. Irgendwann spielte es ein Typ bei einer Party auch auf einer Zwölfseitigen und ich befürchtete Hochwasser, weil ein Teil der Gäste seine Tränen nicht zurückhalten konnte. „Wish you were here“ macht alles mit einem, wenn es will, wenn der Augenblick da ist. Es findet nicht ständig Zugang zum Innersten, es ist nicht die Form von Musik, deren düstere Grundfesten uns täglich berühren können, aber wenn, dann mit aller Macht.
How I wish, how I
wish you were here
We’re just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Wie sehr wünschte ich, du wärst hier. Wir sind nur zwei verlorene Seelen, die in einem Fischglas schwimmen. – Nun, das ist noch die kernigste Aussage; der Rest schwebt im Vagen zwischen grüner Wiese und Stahlschiene, zwischen Helden und Gespenstern. Roger Waters hat alle Register gezogen, sich als Texter auf nichts festzulegen und dennoch alles zu sagen, was es zu sagen gibt. Gilmour kreierte eine Melodielinie, die einem Sommerwind entspricht, der zwei Wochen Dauerregen beendet; allein das sparsam eingestreuselte Piano bringt noch letzte Tropfen, so empfinde ich es, aus einem klarer werdenden Himmel.
Ob uns „Wish you were here“ fröhlich macht, einsam oder traurig? Alles gleichzeitig. Gedanken fliegen zwischen dem Hier und Jetzt und der Vergangenheit. „Ich wünschte, Du wärest hier“ ist eine Zeile, die wir den Lebenden wie den Ahnen widmen, nicht an jedem Tag, aber an solchen, an denen unser Herz bleiern ist. Zu bleiern sollte es nicht werden; dann empfiehlt sich, die Scheibe vom Plattenteller zu nehmen und sie durch „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros zu ersetzen. Nur mal so als Tipp.
Doch wie gewaltig dieser Song „Wish you were here“ ist, zeigt sich auch daran, dass wir ihn hier zusammen „besprechen“, wir, die doch so unterschiedlich sind in unserem „Rock-Geschmack“, den jeweils anderen gern aufs Korn nehmen, wenn eine Songauswahl (öfter) mal nicht dem eigenen Gusto entspricht!
Ja, es ist eine Premiere hier in dieser Rubrik, dass die „Meiki“ und der „ey“ das Musik-Kriegsbeil für diese Zeilen begraben und tatsächlich einer Meinung sind: Welche Nummer wäre geeigneter für einen Jahresausklang und gleichzeitig für das Einläuten eines neuen Jahres voller Chancen und Möglichkeiten – mit dem Blick zurück, gerne auch einem Tränchen im Auge, in Erinnerung an liebe Menschen, die uns jüngst oder vor längerer Zeit verlassen haben, aber eben zugleich auch mit Freude und Dankbarkeit, dem Willen Neues zu entdecken und zu erleben, mit gesundem Optimismus auf all das, was da kommen mag! Auch dabei kann Pink Floyds hymnische Ballade helfen.